Leseprobe aus: “SINKKÂLION – Das Schwert des Schicksals”:
Kapitel 20
Der Schlund des Schreckens
Das Wesen war nicht besonders groß und reichte Niko höchstens bis zur Schulter.
Seine Haut war über und über mit grünbraunen Schuppen bedeckt – ähnlich wie das
Gesicht seiner Schwester. Sein Kopf glich dem eines Dra-chen aus einem
Märchenbuch: zwei spitze Hörner auf der Stirn und ein drittes auf der Stupsnase
mit den mächtigen Nasenlöchern. Lange Barteln hingen von seinen Mundwinkeln,
während die großen Ohren Niko an Jakobsmu-scheln erinnerten. Auch die etwas
plumpen Arme und Beine, die aus seinem makellos weißen Gewand hervor rag-ten,
glichen den Gliedmaßen von Drachen. Nur einen Schwanz oder gar Flügel suchte
Niko vergeblich.
„Nun“, sprach das Wesen ihn mit einer Stimme an, die Niko an einen defekten
Blasebalg denken ließ. Zudem kamen Dampfwölkchen aus seinen Nasenlöchern. „Wenn
wir über Schwanz und Flügel verfügten, würden wir ja Drachen genannt und gewiss
nicht Dhraken, nicht wahr?“
Niko zuckte zusammen. Hatte der Dhrake seine Gedanken gelesen? Ganz bestimmt,
hörte er da Ayanis Stimme in seinem Kopf. Sie war neben ihn getreten war und
bestaunte das seltsame Wesen ebenfalls mit großen giftgrünen Echsenaugen.
„Deine Schwester hat recht“, erklärte der Dhrake. „Die Unsichtbaren haben mich
mit großer Klugheit be-schenkt, aber auch mit der Gabe des Gedankenlesens. Den
Grund dafür wirst du ebenso leicht erraten können wie meinen Namen, nicht wahr,
Niko?“
Niko schnappte nach Luft. „Ihr ... Ihr seid also Zhorran“, antwortete er
atemlos. „Aber ... woher kennt Ihr mei-nen Namen?“
„Nun“, hob Zhorran mit seiner schnaufenden Blasebalgstimme an. „Weil es deine
Bestimmung ist, mich hier zu treffen. Sonst müsste das Buch des Schicksals doch
völlig neu geschrieben werden. Deshalb warte ich auch schon ganz ungeduldig auf
dich, Niko.“ Dann wandte er sich an seine Schwester. „Und auf dich natürlich
auch, Ayani. Ich sehne mich schon seit langem danach, dass ihr mir endlich unter
die Augen tretet und euer Anliegen vorbringt.“
Unglaublich!
Wieso bloß hatte der Dhrake sie so sehnsüchtig erwartet?
Und woher hatte er gewusst, dass sie zu ihm kommen würden?
„Nun.“ Um den Drachenmund von Zhorran spielte ein weises Lächeln. „Weil ich
sonst der Aufgabe nicht ge-recht werden könnte, die die Unsichtbaren mir
übertragen haben. Wozu wäre ein Hüter der großen Mysterien denn nutze, wenn es
niemanden gäbe, der Zugang zu ihnen verlangt? Aber ihr seid zum Glück nicht die
ersten, die nach dem Licht der Erkenntnis streben, damit sich ihnen das große
Geheimnis erschließt, das unsere Welt in ihrem Inne-ren zusammenhält.“
Ohne es zu merken, schüttelte Niko den Kopf. „Dann wisst Ihr also tatsächlich
über das Geheimnis des Kö-nigsschwertes Bescheid und könnt uns sagen, wie
Sinkkâlion seine magischen Kräfte wiedererlangen kann?“
Zu seinem Entsetzen schüttelte Zhorran den Kopf. „Nein, Niko, das kann ich
nicht. Wir Draken haben das Kö-nigsschwert nur im Auftrag der Unsichtbaren
geschmiedet. Das Geheimnis seiner magischen Kräfte erschließt sich jedoch nur
denen, die das Licht der Erkenntnis streift, das die Grotte der Mysteria
erhellt. So nämlich lautet der Na-me der großen Hüterin, die über alle Mysterien
unserer Welt wacht. Und dazu zählt nicht nur das Geheimnis des Schwertes,
sondern auch das Orakel des Alwenhorts. Mysteria hat unserer Welt auch ihren
Namen gegeben. Weil selbst die Unsichtbaren, die sie einst erschaffen und in die
von ihnen gewollten Bahnen gelenkt haben, sich ihrem Einfluss nicht entziehen
können und sich ihr Wirken bis zum heutigen Tage noch immer nicht genau erklären
kön-nen.“
„Mysteria“, flüsterte Niko und warf seiner Schwester einen Hilfe suchenden Blick
zu. Doch Ayani hatte diesen Namen wohl ebenso wenig gehört wie er selbst, denn
sie zuckte nur bedauernd mit den Schultern.
Niko wandte sich wieder dem Dhraken zu. „Aber den Weg zu ihrer Grotte könnt Ihr
uns schon zeigen?“
„Natürlich kann ich das“, antwortete der Dhrake mit dem gleichen weisen Lächeln
wie zuvor. „Nur dazu bin ich doch da.“
„Dann bitte ich Euch, weiser Zhorran, uns zu ihr zu führen.“ Niko deutete eine
Verbeugung an. „Damit Mysteria uns das Geheimnis des Königsschwertes
anvertraut.“
„Nichts lieber als das.“ Der Dhrake erwiderte die Verbeugung. „Aber vorher lasst
euch warnen! Wer immer mich auch darum bittet, zur Grotte der Mysteria geführt
zu werden, für den gibt es kein Zurück mehr. Entweder er besteht die große
Prüfung und erhält Zugang zum Licht der Erkenntnis.“
„Oder?“
„Oder er versagt oder schreckt gar davor zurück - dann wird der Schlund des
Schreckens ihn verschlingen.“
„De-De-Der Sslund dess Ssreckenss?“, wiederholte Ayani. „Wass isst denn dass
sson wieder?“
„Das wirst du noch rechtzeitig erfahren“, erwiderte Zhorran. „Also folgt mir
oder kehrt auf der Stelle um und geht genauso unwissend, wie ihr zu mir gekommen
seid. Obwohl ...“ Der Dhrake seufzte und verdrehte bekümmert die Augen. „Ich
bezweifle sehr, dass ihr bei dem dichten Nebel den Weg zurück überhaupt finden
werdet.“
Als Niko sich umdrehte, bemerkte er, dass das gesamte Gebirge in
undurchdringlichen Dunst gehüllt war, so tiefgrau und unheimlich, als wäre die
restliche Welt von einem schwarzen Loch verschlungen worden.
Kein Zweifel: Der Weg zurück war ihnen ein für allemal versperrt!
Er tauschte rasch einen Blick mit Ayani, die ihm ihre Entscheidung wortlos
mitteilte: Wir müssen es wagen, Ni-ko! Wir haben keine andere Wahl!
Noch ehe eine Silbe über seine Lippen kam, winkte Zhorran ihm schon zu. „Wie ihr
wollt.“ Mit einem hinter-gründigen Lächeln auf den wulstigen Drachenlippen
verneigte sich der Dhrake. „Wenn ihr mir bitte folgen würdet?“ Er drehte sich um
und ging auf die Pyramide zu. Dort angekommen, griff er in die Tasche seines
Gewandes und holte einen länglichen Gegenstand daraus hervor.
Als Niko erkannte, warum es sich handelte, wollte er seinen Augen nicht trauen:
Es war eine prächtige blüten-weiße Schwanenfeder, die der Dhrake wohl zum
Schreiben benutzte. Ihr Kiel war nämlich zugespitzt und wies deut-liche Spuren
von schwarzer Tinte auf.
Damit berührte Zhorran dreimal die felsige Wand der Pyramide. Augenblicklich
öffnete sich das Auge wieder und gewährte ihnen Zugang zu einer geräumigen, von
hellem Licht durchfluteten Kaverne. Während sich das Auge sofort wieder hinter
ihnen schloss, erkannte Niko, dass das Licht aus einer zweiten Öffnung kam, die
sich in der ge-genüberliegenden Wand auftat. Sie führte offensichtlich in eine
weitere Felsenkammer, in der es so strahlend hell war, als würden sämtliche
Schätze der Welt darin um die Wette funkeln. Dies musste die Grotte der Mysteria
sein.
Niko hielt den Atem an. Mit großen Augen starrte er auf das verführerische
Licht, das zum Greifen nahe schien. Bald haben wir es geschafft, frohlockte er
im Stillen, als Ayanis entsetztes Stöhnen ihn jäh aus den Träu-men riss.
„Oh nein!“ Die Schwester stand wie versteinert da, schlug dann die Hände vors
geschuppte Echsengesicht und starrte fassungslos auf den riesigen Spalt, der im
Boden der Felsenkammer klaffte. Er reichte von einer Sei-tenwand zur anderen,
war vielleicht zwanzig Schritte breit und so tief, dass er sich in
abgrundfinsterer Schwärze verlor. „Müsssen wir da rüber?“
Zhorran blieb am Rande des Abgrunds stehen und drehte sich zu ihnen um.
„Natürlich“, sagte er mit uner-gründlichem Lächeln. „Das ist der Schlund des
Schreckens, den ich bereits erwähnt habe. Wer ins Licht der Er-kenntnis gelangen
will, das die Grotte der Mysteria erleuchtet, muss ihn überwinden.“
Niko war genauso fassungslos wie seine Schwester. Ihm schwindelte. Seine Knie
fühlten sich an, als bestün-den sie aus Kaugummi. Das ist nicht zu schaffen,
zuckte es durch seinen Kopf.
Das ist völlig unmöglich!
„Ach, wenn ich doch nur wüsste, was ich tun soll? Noch nie in meinem Leben war
ich so glücklich – und gleichzeitig so unglücklich! Weil ich hin und her
gerissen bin und mich einfach nicht entscheiden kann. Soll ich Nelwyns Wün-schen
nachkommen und dafür alles hinter mir lassen, was mir lieb und vertraut ist?
Oder soll ich lieber auf Nummer Sicher gehen und dafür auf das große Glück
meines Lebens verzichten?
Ich weiß es nicht!
Und was das Schlimmste daran ist: Ich kann mich niemandem anvertrauen und keinen
Menschen um Rat fra-gen. Weil mir niemand glauben würde! Stattdessen würde man
mich für verrückt erklären!
Und genau das ist es ja auch: völlig verrückt und einfach unglaublich! Dabei
weiß ich ganz genau, dass es kei-ne Einbildung und keine Halluzination ist,
sondern wirklich wahr. Weil ich es schon mehrmals selbst erlebt habe, auch wenn
ich es immer noch nicht richtig begreifen kann. Aber je öfter ich mit dem
Kapuzenmantel nach Mysteria reise, umso selbstverständlicher kommt mir alles
vor. Als handelte es sich lediglich um einen Ausflug in eine andere Stadt oder
in ein anderes Land und nicht um eine fantastische Reise in eine völlig fremde
Welt, von der noch kein Mensch gehört hat. Von deren Existenz niemand ahnt –
außer mir natürlich! Und wo ich so glücklich bin, wie ich es in unserer Welt
noch niemals war.
Weil ich Nelwyn getroffen habe!
Den aufregendsten, attraktivsten, klügsten, aufmerksamsten, liebenswürdigsten,
mutigsten, zärtlichsten und leidenschaftlichsten Mann, der mir je im Leben
begegnet ist. Er ist der Traumprinz schlechthin – und das auch noch im wahrsten
Sinne des Wortes! Als ich ihn zum allerersten Mal gesehen habe, konnte ich
natürlich nicht ahnen, dass er ein allseits geachteter König ist und über ein
großes Reich herrscht. Weil ich beim Anblick des stattlichen Mannes, der auf
einem prächtigen Schimmel ganz alleine durch das einsame Wiesental ritt, gar
keinen klaren Ge-danken mehr fassen konnte. Weil ich mich Hals über Kopf in
Nelwyn verliebt habe – wie ein naiver Teenager und noch bevor wir ein einziges
Wort gewechselt haben!
Seitdem muss ich ständig an ihn denken. Von Morgens bis Abends. Jede wache
Stunde. Jede Minute und je-de Sekunde. Und sogar in der Nacht träume ich von
ihm. Von Nelwyn, dem einzigen Mann, mit dem ich jemals glücklich werden kann,
wie ich ganz sicher weiß. Aber dazu müsste ich mich in seine Welt begeben und
meine ver-lassen. Und alle, die darin zuhause sind.
Meine Eltern.
Meine Freunde.
Meine Bekannten.
Einfach alle und alles!
Außerdem habe ich nicht die geringste Ahnung, was mich in Mysteria erwartet. In
der Welt hinter den Nebeln, die so ganz anders ist als unsere Welt. Wo niemand
ahnt, woher ich komme. Nicht einmal Nelwyn. Ach, wenn ich doch nur wüsste, was ich tun soll!“
Die nächsten Zeilen konnte Rieke kaum mehr erkennen. Ihre Augen hatten sich mit
Tränen gefüllt, sodass die Worte mehr und mehr verschwommen. Hastig legte sie
das Tagebuch zurück auf den Schreibtisch, griff nach einem Taschentuch und
wischte sich übers Gesicht. Obwohl ihr jede Erinnerung daran fehlte, war ihr,
als würde sie die entsetzlichen Gewissensqualen von damals aufs Neue spüren. Das
Herz in ihrer Brust schmerzte so heftig, dass sie kaum noch Luft bekam. Rieke
atmete tief durch, stand auf und ging ein paar Schritte auf und ab, um wieder
et-was zur Ruhe zu kommen.
Während sich ihr Puls etwas beruhigte, versuchte Rieke krampfhaft, sich die Zeit
vor rund fünfzehn Jahren wieder ins Gedächtnis zu rufen. Doch so sehr sie sich
auch anstrengte, es gelang ihr einfach nicht. Es war, als wä-ren ihre
Erinnerungen an die damaligen Ereignisse vollständig ausgelöscht worden. Oder
zumindest fast vollstän-dig. Schließlich war ihr in den letzten Tag einiges doch
wieder eingefallen. Auch wenn es sich dabei eher um Ne-bensächliches und weniger
entscheidende Dinge gehandelt hatte.
Aber dafür musste es doch einen Grund geben!, schoss es ihr wie aus heiterem
Himmel durch den Kopf. Sol-che einschneidenden Erlebnisse vergaß man doch nicht
einfach so! Derartige Amnesien hatten immer Ursachen, so unterschiedlich die
auch sein mochten.
Krankheiten.
Unfälle.
Schicksalsschläge.
Schreckliche Ereignisse.
Katastrophen!
Als Rieke zum Schreibtisch zurückging und das Tagebuch erneut in die Hand nahm,
klopfte ihr Herz wieder wie wild. Würde sie nun endlich erfahren, was zu ihrem
unerklärlichen Gedächtnisverlust geführt hatte?
Während Niko und Ayani noch fassungslos in den Schlund des Schreckens starrten,
fasste Zhorran erneut in sein Gewand. Diesmal förderte er eine Dose daraus
hervor, die mit einem fein gelöcherten Deckel verschlossen war. Sie war wohl aus
Porzellan gefertigt und erinnerte Niko an die Behälter, in denen zu früheren
Zeiten der Sand aufbe-wahrt wurde, den Schreiber zum Trocknen der feuchten Tinte
benutzten. Daraus streute Zhorran ein weißes Pulver auf seine linke Drachenhand
- nicht mehr als einen Teelöffel voll – und blickte die Geschwister fragend an.
„Wisst ihr, was das ist?“
„Ich denke schon“, antwortete Niko. „Das muss wohl das Leucht- und Donnerpulver
sein, das die Unsichtbaren Euch anvertraut haben.“
Der Dhrake lächelte wissend. „Dann hat der Wolfling es also erzählt?“
„Ähm.“ Niko räusperte sich. „Ganz recht. Dabei habe ich es zunächst nur für eine
der vielen Geschichten gehalten, die Lykano so gerne erzählt.“
„Alle Geschichten sind wahr. Und zwar jede auf ihre eigenen Weise.“ Zhorran
deutete auf das Pulver in seiner Hand. „Du hast recht, Niko. Natürlich handelt
es sich um das Leucht- und Donnerpulver. Allerdings um eine ganz spezielle
Mixtur, die nur wir Dhraken kennen. Das Pulver, das Lykano mir entwendet hat,
ist eher ordinärer Natur. Es richtet nur Zerstörung an und veranstaltet einen
ordentlichen Radau.“ Mit der Spitze der Schwanenfeder berühr-te er das Pulver,
das augenblicklich entflammte und eine hell leuchtende Kugel formte. „Wer dieses
Zauberpulver richtig anzuwenden weiß, dem kann es eine unschätzbare Hilfe sein.“
Damit beugte er sich nach vorne und ließ den gleißenden Ball in den Schlund des
Schreckens fallen, der ihnen wie der finstere Rachen eines gefräßigen
Unge-heuers entgegengähnte.
Die Leuchtkugel sank rasch tiefer. Wurde kleiner und kleiner, bis sie
schließlich die Größe eines Glühwürm-chens annahm und dann mit der Dunkelheit
verschmolz. Aber den Boden des Abgrunds hatte sie da wohl noch im-mer nicht
erreicht.
„Der Schlund des Schreckens führt ins blanke Nichts“, erklärte der Dhrake. „Es
wird euch restlos verschlingen, wenn ihr hineinstürzt. Nichts bleibt von euch
übrig und euer Weg ist endgültig zu Ende.“
Niko schluckte. „Und was geschieht dann mit Sinkkâlion?“
„Gut, dass du mich daran erinnerst.“ Lächelnd streckte Zhorran ihm eine Hand
entgegen. „Gib her. Ich werde das Königsschwert für euch verwahren, damit es
euch bei der Prüfung nicht stört. Wenn ihr versagt, übergebe ich es Mysteria –
und sie ganz alleine wird entscheiden, was mit Sinkkâlion geschieht. Eins
dagegen steht jetzt schon fest.“ Er sah die Geschwister mit seinem
eigentümlichen Lächeln an. „Wenn ihr den Schlund des Schreckens nicht
überwindet, waren all eure Mühen vergebens. Euer Vater wird im Richtfeuer
sterben und die Alwen werden für end-lose Zeiten in Tyrannei und Knechtschaft
verharren.“
Erzähl mir was Neues, dachte Niko im Stillen und zeigte auf den klaffenden
Spalt. „Nicht mal der beste Weit-springer der Welt könnte diesen Schlund
überwinden. Wie sollen wir das denn schaffen? Denn fliegen können wir erst recht
nicht.“
„Warum so kleingläubig, Niko?“ Zhorran musterte ihn mit untergründlichem Blick.
„Glaubst du, die Unsichtba-ren würden Unmögliches von euch verlangen?“
„Das wäre jedenfalls nicht fair.“ Mit gequälter Miene schüttelte Niko den Kopf.
„Trotzdem ist es unmöglich, die-sen Abgru-““
„Halt, halt!“ Mit einer befehlenden Geste brachte Zhorran ihn zum Schweigen.
„Warum seid ihr Menschen nur so ungeduldig? Warum gebt ihr schon auf, noch bevor
ihr erfahren und begriffen habt, welche Aufgaben euch er-warten?“ Ohne Nikos
Antwort abzuwarten, drehte er die Schreibsanddose um und streute weiteres Pulver
in den Schlund des Schreckens.
Gleich darauf stieg ein Geräusch aus der endlosen Tiefe empor, ein fernes
Brausen, zunächst ganz leise und dann immer lauter werdend. Verwundert beugte
Niko sich nach vorne und erblickte ein gutes Dutzend Felsbrocken, die sich aus
dem Schwarz des Abgrunds lösten und in die Höhe stiegen, wie ein Geschwader von
Meteoriten, das sich gegen die Schwerkraft bewegt. Die Brocken wurden größer und
größer, bis sie in Höhe der Felskante ange-langt waren, wo sie mitten in der
Luft verharrten und reglos über dem Schlund des Schreckens schwebten, verteilt
über die gesamte Breite des klaffenden Spalts. Sie sahen aus wie Steine in einem
breiten Wildbach, die es einem Wanderer ermöglichen, das reißende Gewässer fast
trockenen Fußes überqueren. Es sei denn, er verlöre das Gleichgewicht und
stürzte deshalb in die Fluten.
„Seht ihr?“ Mit viel sagendem Lächeln deutete Zhorran auf die schwebenden
Steine. „Ihr müsst euch nur von einem zum nächsten bewegen. Auf diese Weise
kommt ihr leicht auf die andere Seite.“
„Leicht?“ Niko starrte ihn entgeistert an und auch Ayani stand das Unbehagen
deutlich ins Gesicht geschrie-ben. „Ihr macht wohl Scherze? Sie sind gerade mal
so groß, dass man mit Mühe darauf stehen. Außerdem sind sie in so weitem Abstand
verstreut, dass man gewaltige Sprünge machen muss, um von einem zum anderen zu
gelan-gen. Aber danach verliert man wahrscheinlich das Gleichgewicht und stürzt
ab. Es gehört schon eine Menge Glück dazu, um das zu schaffen!“
„Wenn du möchtest, kann ich sie wieder verschwinden lassen“, erwiderte der
Dhrake ungerührt.
„Nein, nein, nicht doch!“ rief Niko erschrocken. „Das wollte ich damit nicht
sagen!“
„Dann hör auf, dich zu beklagen, und präge dir die Position der Steine gut
ein!“, mahnte Zhorran. „Du wirst mir noch dankbar sein für diesen Rat.“
„Dass ist doch Zseitversswendung“, entrüstete sich nun auch Ayani. „Wir ssind
doch nicht blind und könn-“
„Warum tust du nicht, was man dir sagt?“, fiel der Dhrake ihr barsch ins Wort.
„Du solltest inzwischen doch ge-lernt haben, einen guten Rat von einer bloßen
Bevormundung zu unterscheiden.“
„Ja, sson“, antwortete das Mädchen widerwillig. „Und trotzsdem ...“
„Warum vertust du dann deine Zeit mit sinnlosen Einwänden, anstatt sie richtig
zu nutzen?“ Damit griff Zhorran erneut zu der Dose und streute weiteres Pulver
in den Abgrund. Augenblicklich stieg dichter Nebel aus der Tiefe empor, breitete
sich mehr und mehr aus, bis er den Schlund vollständig ausfüllte. Die grauen
Schwaden waren schließlich so dicht, dass von den schwebenden Steinen keine Spur
mehr zu erkennen war.
Niko und seine Schwester wechselten entsetzte Blicke. Wie sollten sie jetzt die
Schlucht überqueren? Das war doch völlig unmöglich!
Zhorran blieben ihre Befürchtungen natürlich nicht verborgen. „Wenn ihr wollt,
dann zeige ich euch, wie das geht“, bot er ihnen nämlich an.
„Wie großzügig von Euch“, knurrte Niko. „Ich bin sehr gespannt.“
„Und ich ersst“, fügte seine Schwester hinzu.
„Gleich“, sagte der Dhrake. „Aber vorher solltet ihr Eines wissen: Die Zeit, die
ich zum Überqueren des Schlundes benötige, steht auch euch zur Verfügung, keine
Sekunde weniger und keine Sekunde mehr. Wenn sie verstrichen ist, stürzen die
Steine wieder in die Tiefe und reißen euch mit ins Nichts. Habt ihr das
verstanden?“
„Natürlich“, antwortete Niko und bedachte den Dhraken mit einem finsteren Blick.
„Und jetzt zeigt uns endlich, was Ihr könnt.“
„Mit dem größten Vergnügen.“ Zhorran verbeugte sich mit einem spöttischen
Lächeln und trat, Sinkkâlion mit beiden Händen haltend, ganz dicht an den Rand
des Abgrundes heran. Er sammelte sich kurz, schloss dann die Augen – und sprang!
Niko kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: Mit einer Leichtigkeit und
Gewandtheit, die er dem plumpen Dhraken niemals zugetraut hätte, hüpfte Zhorran
so geschickt und flink von einem im Nebel verbor-genen Stein zum anderen, dass
er schon kurz darauf am jenseitigen Rand des Abgrunds stand und zu ihnen
her-überlächelte. Das Ganze hatte höchstens eine halbe Minute gedauert!
„Habt ihr gesehen, wie leicht das ist?“, rief er ihnen zu. „Das ist nachgerade
ein Kinderspiel. Zumal ihr euch die Lage der Steine ein weiteres Mal einprägen
konntet.“
Hasst du ssie dir gemerkt?, fragte Ayani stumm.
Natürlich nicht, gab Niko zur Antwort. Du vielleicht?
Nein, hörte er die Stimme seiner Schwester in seinem Kopf. Dass ging alless viel
zu ssnell.
Zhorran hatte ihre Unterhaltung natürlich mitbekommen. Seine Ankündigung klang
deshalb wie blanker Hohn: „Ich halte es deshalb für angemessen, euch die Aufgabe
ein kleines bisschen zu erschweren.“ Damit griff er erneut zu seiner Dose und
streute weiteres Pulver in den Nebel.
Nur einen Augenblick später schlug Niko ein eisiger Hauch aus dem Gespinst
entgegen und unheimliche Lau-te drangen an sein Ohr – ein Fauchen wie von wilden
Katzen. Da erblickte er auch schon schwefelgelb glimmende Raubkatzenaugen
inmitten des Nebels und mit spitzen Zähnen bewaffnete Mäuler. Als dann auch noch
scharfe Waffen daraus aufblitzen, hätte es Ayanis Warnung gar nicht mehr
bedurft: Bei den Unsichtbaren – das sind die Nebelkrieger!, gellte ihre Stimme
in Nikos Kopf.
Zhorran tat, als hätte er die unheimlichen Kämpfer überhaupt nicht bemerkt.
„Worauf wartet ihr denn noch? Auch wer zu lange zögert und den richtigen
Zeitpunkt verpasst, findet keinen Zugang zum Licht der Erkenntnis!“
Niko nahm die Worte des Dhraken gar nicht wahr. Wie erstarrt stand er am Schlund
des Schreckens und starr-te in den dichten Nebel, in dem der Tod gleich in
zweierlei Gestalt auf ihn lauerte. Es ist aus!, durchzuckte es ihn jäh. Diese
Prüfung kann niemand bestehen. Unser Weg ist zu Ende.
Was dann geschah, würde Niko bis ans Ende seines Lebens nicht begreifen. Während
er noch auf den wa-bernden Dunst starrte, aus dem ihm die Nebelkrieger
entgegengierten, hörte er einen Falkenschrei – und noch im gleichen Moment
formte sich ein deutlich sichtbares Bild in seinem Kopf: eine lodernde
Feuerwand, die sich, wie von Geisterhand bewegt, öffnete und den Blick auf das
mächtige Schwert freigab, das im Schicksalsstein steckte. Dazu tönten mehrere
Stimmen gleichzeitig durch seinen Kopf:
„Wenn die Zwei zu Einem werden, ist alles möglich“, raunte Siegward Schreiber.
„Alles, was die Unsichtbaren tun, ist wohlbedacht und gehorcht einem tieferen
Sinn“, flüsterte der Wanderer.
„Alles, was du auf Mysteria erlebt hast, dient nur einem Ziel: dir die Erfüllung
deiner Aufgabe zu ermöglichen“, belehrte ihn die schnippische Lichtelfe.
Und da endlich begriff Niko, wie sie die Schlucht des Schreckens überwinden
konnten.
Ganzs recht, Bruder, pflichtete Ayani ihm auf die vertraute Weise bei. Wie
konnten wir nur sso ssnell vergess-sen, wass wir in den letzsten Wochen gelernt
haben?
Leseprobe aus: „SINKKÂLION – Das Schwert des Schicksals“ von Peter Freund, Seite
222 – 232, © cbj München
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