MYSTERIA
DIE WELT HINTER DEN NEBELN
wie MYSTERIA auch genannt wird, ist eine Parallelwelt zu
unserer Erde, von der die wenigsten Menschen ahnen. Alle FABELWESEN
- so jedenfalls wird behauptet, ohne dass es auch nur einen einzigen gesicherten
Beleg dafür gäbe! - stammten ursprünglich aus dieser geheimnisvollen Welt, von
der aus sie zu Urzeiten auf unsere Erde gelangt sind. Ihre Zahl war allerdings
weit geringer als die der Menschen. In kleinen Gruppen lebten sie meist
versteckt in wenig besiedelten Gebieten und gingen den Erdenbewohnern tunlichst
aus dem Weg, sodass sie von diesen kaum wahrgenommen wurden. Die Menschen
dagegen vermehrten sich rasch und breiteten sich über alle Regionen ihres
Planeten aus. Auf der Suche nach neuem Lebensraum gelangten einige von ihnen
sogar bis nach Mysteria, wo sie freundlich empfangen und herzlich willkommen
geheißen wurden. Aus diesem Grunde leben auch heute noch zahlreiche
menschenähnliche Wesen in der Welt hinter den Nebeln. Mysteria ist ihnen zur
Heimat geworden, zumal ihnen längst entfallen ist, dass sie ursprünglich aus
unserer Welt kamen.
Die Wesen aus Mysteria dagegen hatten es weit schwieriger, auf der Erde
heimisch zu werden. Anfangs herrschte noch Frieden zwischen ihnen und den
Menschen. Bald aber waren sie dem unaufhaltsamen Expansionsdrang der
Erdenbewohner im Weg. Sie wurden angefeindet und verleumdet; Lügen und
Unwahrheiten wurden über sie verbreitet und schließlich erbittert Jagd auf sie
gemacht, sodass die fantastischen Wesen sich wieder in ihre ursprüngliche Heimat
Mysteria zurückzogen. Kein Wunder also, dass bei uns das Wissen um ihre Existenz
im Laufe der Jahrhunderte immer mehr verloren gegangen ist und die wundersamen
Geschöpfe heute fast ausnahmslos dem Reich der Märchen und Fabeln zugeschrieben
werden. Nur wenigen Menschen, kaum mehr als einem Dutzend vielleicht, ist
bekannt, dass es sich in Wahrheit um Lebewesen aus Fleisch und Blut handelt, die
in der Welt hinter den Nebeln auch heute noch so lebendig sind wie eh und je.
Allerdings gibt es dort auch Geschöpfe, von denen wir Menschen noch immer
nichts ahnen – weil sie unsere Erde nämlich noch niemals betreten haben. Und so
wissen wir über sie genauso wenig Bescheid wie über die mysteriöse Welt von
Mysteria.
Rein topographisch gesehen weist die Welt hinter den Nebeln verblüffende
Ähnlichkeiten mit der Erde – oder ge-nauer: dem Europa - des frühen Mittelalters
auf. Das Land ist noch wild und rau; es gibt mächtige Gebirgs- und Hügelketten,
dichte Wälder, urwüchsige und wildromantische Landschaften mit schäumenden
Wasserfällen und malerischen Seen, verwunschene Auen- und Marsch-Gebiete. Zudem
ist die Welt hinter den Nebeln nur dünn besiedelt. Es gibt weit verstreut
liegende kleine Bauerndörfer und die ersten spärlichen Andeutungen städtischer
Ansiedlungen, die schon – teils noch recht kümmerliche - Wehr- und
Befestigungsanlagen aufweisen. Nur gelegentlich recken sich vereinzelte
Festungen und Burgen in den Himmel - Mysteria besteht nämlich aus mehreren
Königreichen, Fürstentümern und Grafschaften, die mal befreundet und verbündet
sind oder sich auch feindlich gegenüberstehen – ähnlich also, wie das im
mittelalterlichen Europa auch der Fall war.
Die Bewohner unterscheiden sich allerdings erheblich von denen der Erde. In
der Welt hinter den Nebeln wimmelt es nicht nur von mutigen KRIEGERN,
finsteren SCHERGEN, hinterhältigen MEUCHLERN,
durchtriebenen HÄNDLERN, braven BÜRGERN und
geknechteten BAUERN (die allesamt von den Menschen abstammen!),
sondern auch von all den Gestalten, die wir sonst nur aus Fantasyromanen und –
filmen kennen: MAGIERN, HEXEN,
GESTALTWANDLERN, TROLLEN, ELFEN,
DRACHEN, EINHÖRNERN, HARPYIEN,
SIRENEN, NYMPHEN und ähnliche Wesen mehr.
Hinzu kommen ganz eigentümliche Geschöpfe, von den wir bislang kaum etwas gehört
haben: mit Schwingen bewehrte VOGELMENSCHEN zum Beispiel oder
NEXEN - Wasserwesen mit Kiemen und Schwimmhäuten; verschlagene
VHARUULS, schwarz behaarten Schauerwesen, deren Gesichter aus
bleichen Knochen geformt sind;, schauerliche NEBELKRIEGER und
vampirähnliche NOKTANER; unheimliche WOLFLINGE
und die rätselhaften MIMIKRI - Echsenwesen, die sich perfekt,
der jeweiligen Umgebung anpassen können -, und viele, viele andere mehr.
DIE VERBINDUNGSWEGE ZWISCHEN DER ERDE UND MYSTERIA
Die fantastischen Wesen aus Mysteria konnten nur deshalb auf unsere Erde
gelangen, weil es geheime Verbin-dungswege zwischen den beiden Welten gibt, von
denen die heutigen Menschen noch nicht einmal ahnen. Schließlich sind es nur
verschwindend wenige, die hauptsächlich in abgelegenen und einsamen Gegenden
weit abseits der Städte zu finden sind. Diese Geheimen Pforten in die andere
Welt - die NEBELPFORTE, das TOR DES FEUERS
oder der FEUCHTE SCHLUND, um nur einige zu nennen - sind zudem
bestens getarnt: die früher häufig benutzte Nebelpforte zum Beispiel liegt meist
in einer dichten Nebelwolke verborgen - weshalb Mysteria auch Welt hinter den Nebeln
genannt wird.
Zudem handelt es sich dabei um drei mächtige Findlinge, die von den Menschen
irrtümlicherweise als frühzeitliche Grab- oder Kultstätten angesehen werden.
Andere Übergänge liegen tief in der Erde oder an schwer zugänglichen Orten – am
Rande oder gar inmitten tückischer Moore, die stets einen dichten Erlenbestand
aufweisen. Kein Wunder also, dass diese Standorte nur einer winzigen Zahl von
Eingeweihten bekannt sind - Erdenbewohnern, in deren Adern auch heute noch Blut
aus Mysteria fließt. Ganz „normale“ Menschen dagegen können diese Pforten weder
erkennen noch durchschreiten. Nur diejenigen, die aufgrund ihrer Herkunft eng
mit den Bewohnern von Mysteria verbunden sind und zudem ihre Zeichen tragen –
ein Amulett oder einen Ring mit einer ganz besonderen Rune zum Beispiel –
vermögen die Geheimen Tore zu passieren und in die Welt hinter den Nebeln zu
gelangen.
Die Bewohner Mysterias dagegen könnten sich jederzeit auf die Erde begeben,
was allerdings – bedingt durch die schlechten Erfahrungen zu Urzeiten - äußerst
selten und nur in absoluten Ausnahmefällen geschieht. So ist im Laufe der
Jahrhunderte auch in der Welt hinter den Nebeln das Wissen um diese Pforten mehr
und mehr verblasst. Noch viel weniger ist bekannt, dass es eine weitere
Möglichkeit gibt, um von der der einen in die andere Welt zu gelangen – mit
Hilfe des wundersamen MANTEL DES ODHUR nämlich, einem
unscheinbaren Umhang mit einer großen Kapuze, auf deren Rand die
MANNAZ-Rune aufgestickt wird – das ZEICHEN DER
UNSICHTBAREN, wie das Symbol in Mysteria genannt wird.
Woher dieser Mantel stammt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt – was
jedoch, wie an dieser Stelle noch einmal betont werden muss, für nahezu alles
gilt, was man sich über die Welt hinter den Nebeln erzählt. Der Legende nach
soll das wundersame Kleidungsstück zu der Zeit, als Wesen aus Mysteria noch die
Erde bewohnten, von LICHTELFEN aus den Schweifhaaren eines
GEFLÜGELTEN PFERDES gewebt worden sein – und da die Anleitung
dazu von einem sagenhaften Gott der Dichtkunst – nämlich ODHUR
– stammte, wurde der Umhang fortan der Mantel des Odhur genannt. Diese
Lichtelfen - sie stammten ursprünglich natürlich ebenfalls aus Mysteria, haben
sich später aber auch auf unsrer Erde angesiedelt - haben das kostbare Stück in
ihrem HORT verwahrt, einem überaus wertvollen Schatz, über den
sie seit Anfang der Zeiten geboten. Als die Elfen sich schließlich von der Erde
zurückzogen, ließen sie den Hort in der Obhut der ALWEN zurück
– weshalb er seit dieser Zeit nur noch ALWENHORT genannt wird.
DIE ALWEN
Die Alwen zählen zu den zahlreichen Elbenvölkern, die vor undenklichen Zeiten
nicht in ihrer heimatlichen Region, nämlich im NIVLAND auf
Mysteria siedelten, sondern auch bei uns auf der Erde. Während die anderen
fantastischen Geschöpfe sich nach und nach in die Welt hinter den Nebeln
zurückzogen, harrten die Alwen solange bei uns aus, bis sie schließlich die
letzten Vertreter Mysterias auf der Erde waren.
Das hatte seinen Grund unter anderem darin, dass die Alwen uns Menschen sehr
ähnlich sehen und kaum von uns zu unterscheiden sind. Kann man die meisten
anderen Elben zum Beispiel sofort an ihren ausgeprägten, spitz zulaufenden Ohren
erkennen, gleichen die Ohren der Alwen den unseren nahezu vollkommen. Erst beim
genaueren Hinsehen wird deutlich, dass sie ebenfalls kleine Spitzen besitzen und
die Ohrläppchen vollständig am Kopf angewachsen sind. Natürlich gibt es noch
weitere Merkmale, an denen die Wissenden die Alwen erkennen: die mandelförmigen
Augen mit den smaragdgrünen Pupillen zum Beispiel oder auch die meist
pechschwarzen glatten Kopfhaare. Zudem besitzen sie, abgesehen von einem
hauchzarten Haarflaum, keinerlei Körperbehaarung, sodass selbst die Männer
keinen Bartwuchs aufweisen. Noch etwas unterscheidet sie von uns Menschen:
obwohl von ähnlicher Größe, sind die Alwen von recht schlanker, fast zierlicher
Gestalt – und verfügen dennoch über erstaunliche Körperkräfte. Sie sind zudem
äußerst gewandt, sodass sie selbst gegen körperlich weit überlegene Angreifer
bestehen können. Aufgrund ihrer friedliebenden Natur gehen sie jeder
Auseinandersetzung allerdings möglichst aus dem Weg.
Ihre kleinen Ansiedlungen liegen denn auch meist abgeschieden am Rande oder
inmitten urwüchsiger Wälder. Die Alwen leben im Einklang mit der Natur, die sie
mit allem versorgt, was sie zum Leben benötigen, und deren Gesetze sie strikt
beachten. Nach ihrer Überzeugung ist diese nämlich einst von den
UNSICHTBAREN erschaffen worden, die von den Augen der Sterblichen nicht
erblickt werden können. Nur ihr Sendbote - genannt DER WANDERER
- stattet der Welt der Sterblichen gelegentlich einen Besuch ab und nimmt dazu
leibhaftige Gestalt an: meistens zeigt er sich als einsamer Wanderer, der von
dem mächtigen WOLF GERREK begleitet wird, manchmal auch als
Bauer, hilfebedürftiger Bettler oder als weiser Seher. Allerdings bleibt der
Wanderer meistens unerkannt, und so wird in der Regel viel zu spät bemerkt, dass
er auf diese Weise das Geschick der Lebenden zu beeinflussen versucht. Was
bedauerlich ist, denn wer die vom Wanderer überbrachten Ratschläge der
Unsichtbaren nicht versteht oder sie nicht befolgt, läuft häufig geradewegs in
sein Verderben.
Den Alwen passiert das jedoch nur selten. Aufgrund ihrer Nähe zur Natur
besitzen sie nicht nur ein besonderes Gespür für die Unsichtbaren, sondern
verfügen darüber hinaus auch über bedeutend schärfere Sinne als wir Menschen.
Sie sehen, riechen und hören viel besser und haben ein ausgeprägtes Gespür für
Gefahren aller Art, die sie schon weit im Voraus wittern und spüren können. Da
sie zudem telepathische Kräfte besitzen, können manche von ihnen sich sogar
wortlos verständigen. Ganz wenige verfügen sogar über seherische Fähigkeiten,
mit deren Hilfe sie in die Zukunft blicken und ferne Ereignisse voraussehen
können.
DIE ALWEN UND DIE MENSCHEN
Diese besonderen Eigenheiten der Alwen waren den Menschen lange Zeit
unbekannt. Kein Wunder, schließlich gab es kaum Begegnungen zwischen ihnen und
dem scheuen Elbenvolk. Die meisten Erdenbewohner wussten nicht einmal um ihre
Existenz und schrieben entsprechende Berichte und Erzählungen einfach dem Reich
der Märchen und Fabeln zu. Die wenigen jedoch, die mit den Alwen in Berührung
kamen, lebten in der Regel in Frieden und Eintracht mit ihnen. Es kam
gelegentlich sogar vor, dass sie Verbindungen miteinander eingingen: so
verliebte sich zum Beispiel so mancher Alwe in ein Menschenmädchen und nahm sie
zur Frau. Beziehungen zwischen einer Alwin und einem Mann dagegen waren nicht
nur weitaus seltener, sondern nahmen in der Regel auch einen unglücklichen,
manchmal sogar tragischen Ausgang.
Dem Bund von Alwenmännern und Menschenfrauen dagegen entsprangen sogar
Nachkommen, in deren Adern das Blut beider Völker floss. Deshalb verfügten diese
Kinder auch über besonders ausgeprägte Sinne, auch wenn sie nicht ganz so scharf
waren wie bei reinblütigen Elben. Sie waren zudem recht einfühlsam, was ihnen
das Leben im Kreis der meist doch eher grobschlächtigen Menschen sehr
erschwerte.
Das friedliche Zusammenleben zwischen Menschen und Alwen fand ein jähes Ende,
als die Erdenbewohner hinter das große Geheimnis der Elben kamen: diese hüteten
nämlich den unermesslich wertvollen Hort, den die Elfen ihnen überlassen hatten,
als sie sich von der Erde zurückzogen. Die Kunde von dem sagenhaften Schatz
sprach sich rasend schnell herum, und so machten sich die Menschen, übermannt
von Neid und Habgier, auf die Suche nach dem Alwengold. Ihre Gier wurde bald so
groß, dass sie sich selbst untereinander entzweiten: aus Freunden wurden Feinde;
Familien brachen auseinander; Bruder stellte sich gegen Bruder; ja sogar vor
feigem Mord schreckten die Menschen auf der Jagd nach Reichtum nicht zurück.
Auch die Alwen selbst blieben von ihnen nicht verschont. Die Menschen fielen
über sie her, verwüsteten ihre Dörfer, raubten ihren Besitz und kerkerten sie
ein, um ihnen unter der Folter das Versteck des Schatzes zu entlocken. Dass
dieses nur der Hüterin des Elfenhorts bekannt war, nahmen die Menschen ihnen
nicht ab, und so mussten unzählige Alwen grausam das Leben lassen. Allerdings
hatten es die Menschen nicht nur auf das Gold der Alwen abgesehen, sondern auch
auf den Mantel des Odhur. Dessen wundersame Fähigkeit waren ihnen nämlich
ebenfalls zu Ohren gekommen: wer ihn umlegte, wurde augenblicklich von einem
wirbelnden Nebel nach Mysteria geleitet - und war deshalb auf der Erde nicht
mehr zu sehen. Wenn er ihn ablegte, verblieb er in der fremden Welt. Drehte er
das Kleidungsstück dagegen um und zog es erneut über, kehrte er umgehend auf die
Erde zurück und konnte wieder gesehen werden. Deshalb nahmen die Menschen
zunächst auch fälschlicherweise an, dass der wundersame Umhang unsichtbar mache
– was durchaus nachvollziehbar, aber dennoch nicht richtig war. Aber genauso
wenig bedachten sie in ihrer Gier, dass der unermesslich wertvolle Alwenhort mit
einem schrecklichen Fluch belegt war: nur wer seinen wahren Wert erkennt, kann
damit glücklich werden. Diese Unwissenheit führte dazu, dass die Gier der
Menschen immer größer wurde und sie die Suche nach dem Elfenschatz nur noch
verstärkten. Die Alwen mussten schließlich um ihr Leben fürchten und so
beschlossen sie einhellig, die Erde für immer zu verlassen und nach Mysteria zu
flüchten.
DIE RÜCKKEHR NACH MYSTERIA
Nachdem die Alwen in die Welt hinter den Nebeln zurückgekehrt waren, ließen
sie sich im Nivland nieder, das den verschiedenen Elbenvölkern seit Alters her
als Heimat diente. Den Elfenschatz hatten sie natürlich mitgebracht. Bei ihrer
überhasteten Flucht durch die Nebelpforte blieb jedoch ein kleiner Teil der
Schatzes auf der Erde zurück - darunter der Mantel des Odhur und einige
wertvolle Schmuckstücke. Aus Furcht vor den Menschen belegten die Alwen das
Geheime Tor daraufhin mit einem Bann: seitdem kann nur der es durchschreiten,
der vom gleichen Blut ist wie sie und gleichzeitig ihre Zeichen trägt.
Dass ein Teil ihres Schatzes auf der Erde zurückgeblieben war, bemerkten sie
allerdings viel zu – und so schlum-merten die kostbaren Artefakte über
Jahrhunderte in einem Versteck, bis sie bei archäologischen Ausgrabungen eher
zufällig entdeckt und anschließend in einem Museum ausgestellt wurden. Aus
diesem wurden sie dann später geraubt – und seitdem verliert sich ihre Spur.
Für den riesigen Rest des Drachenschatzes fanden die Alwen ein neues Versteck
in Mysteria, und die Hüterin des Horts bewachte ihn fortan sorgsamer denn je.
Die Hüterin des Horts ist auch die einzige, die über die Herkunft des
MAGISCHEN KÖNIGSSCHWERTS SINKKÂLION Bescheid weiß, das
der erste König der Alwen aus dem hinter dem TOR DES FEUERS
verborgenen SCHICKSALSSTEIN gezogen und damit die Königswürde
erlangt hat. Seit-dem wird der Besitzer von Sinkkâlion als der jeweils
rechtmäßige Herrscher des Nivlandes angesehen.
DER HERRSCHER DES NIVLANDES
Ganz in der Nähe der Fundstelle errichtete der erste König eine Festung, aus
der dann im Laufe der Jahrhunderte die stolze Burg HELMENKROON,
der Sitz der Alwenkönige, entstanden ist, die auf drei Seiten von der
gleichnami-gen Siedlung umringt wird. Die Alwen waren ihren Königen stets treu
ergeben und verehrten sie sehr, weil diese sich allesamt als oberste Diener
ihres Volkes verstanden und es mit Hilfe des Königsschwertes vor allen
Eindringlingen und Feinden beschützten. Sinkkâlion verfehlte nämlich nie sein
Ziel, sobald es gezogen wurde, und seine Hiebe waren stets tödlich. Es gehorchte
jedoch nur seinem rechtmäßigen Besitzer, während es in den Händen eines Fremden
wirkungslos blieb. Das jedenfalls wurde behauptet, denn der Ruf des sagenhaften
Schwertes war so groß, dass jeder davor zurückschreckte, die Probe aufs Exempel
zu machen. Die Alwen aber blieben fortan auf Mysteria, lebten glücklich und
zufrieden in den urwüchsigen Wäldern der neuen Heimat und kehrten nie wieder auf
die Erde zurück.
DIE GIER NACH DEM ALWENGOLD
Im Laufe der Jahrhunderte verblasste die Erinnerung an den wertvollen
Alwenhort immer mehr. Da die Alwen in der Welt der Menschen am eigenen Leibe
erfahren hatten, wie viel Leid die Gier nach Gold und Reichtum verursachen
konnte, verbannten sie den Gedanken an den Schatz aus ihrem Gedächtnis, bis nur
noch eine Schar Eingeweihter um sein Geheimnis wusste. Auf diese Weise lebten
die Bewohner des Nivlandes also über viele Jahrhunderte in Ruhe und Frieden, und
wahrscheinlich hätte sich daran nichts geändert, wenn RHOGARR VON KHELM,
der Herrscher der MARSCHMARK, die nordöstlich an das Nivland
grenzt, nicht eines Tages – rund vierzehn Jahre, bevor unsere aufregende
Geschichte beginnt - von dem sagenhaften Schatz erfahren hätte.
DHRAGO, ein Halbbruder des damaligen nivländischen Königs
NELWYN, neidete diesem nämlich den Thorn. Da Nelwyn jedoch beim
gesamten Volk überaus beliebt war und über eine treue Anhängerschar verfügte,
wagte Dhrago nicht offen gegen ihn vorzugehen. Zumal auch er die Macht von
Sinkkâlion fürchtete, das sich in Besitz des rechtmäßigen Königs befand. So
grübelte also Dhrago unablässig darüber nach, wie er auf den Thron gelangen
könnte. Zunächst wollte ihm nichts Rechtes einfallen, bis ihm schließlich ein
Zufall zu Hilfe kam und er ein vertrauliches Gespräch zwischen König Nelwyn und
seinem engsten Ratgeber belauschte. Auf diese Weise erlangte Dhrago Kenntnis von
dem sagenumwobenen Drachengold.
Daraufhin wandte er sich an den Herrscher der Marschmark und schlug diesem
einen schändlichen Handel vor: Rhogarr sollte ihm helfen, auf den Thron von
Helmenkroon zu gelangen und als Gegenleistung den Alwenschatz erhalten. Obwohl
Rhogarr schon seit langem ein Auge auf das Nachbarreich geworfen hatte und
lieber heute als morgen darin eingefallen wäre, zögerte er zunächst. Weil er
nämlich nicht nur die sagenumwobenen Kräfte von Sinkkâlion fürchtete, sondern
auch die große Macht von MORDUR KRA’NAKK.
Der Herrscher des im Süden des Nivlandes gelegenen GRIMMEN REICHES
gelüstete es nämlich ebenfalls nach dem Land der Alwen und plante er schon seit
langem einen Überfall auf das Nachbarreich. Mordur war wegen seiner
Kriegslüsternheit berüchtigt, verfügte über das schlagkräftigste Heer von ganz
Mysteria und stellte somit eine ernstzunehmende Bedrohung für die Pläne Rhogarrs
da.
Umso erfreuter war der finstere Marschmärker, als er urplötzlich völlig
unerwartete Unterstützung bekam – nämlich von keiner geringeren als der
mächtigen SCHWARZMAGIERIN SÂGA! Die geheimnisvolle Frau, die
über die unheimliche Fähigkeit verfügte beliebig ihre Gestalt zu wechseln, wurde
von allen Bewohnern Mysterias gefürchtet. Ihre Kräfte waren so unbegreiflich
groß, dass es niemand wagte sich mit ihr anzulegen. Lange Zeit, so schien es,
hielt sie ihre Hand schützend über das Nivland, auch wenn niemand den Grund
dafür kannte. Und warum sie sich plötzlich auf die Seite Rhogarr schlug, blieb
ebenso im Dunklen. Jedenfalls unterbreitete sie dem Marschmärker einen
raffinierten Plan, dem dieser begeistert in die Tat umsetzte.
Unter einem Vorwand – ein Zeuge behauptete, König Nelwyn hätte grundlos die
unbewaffnete Gemahlin von Rho-garr mitsamt ihren Edelfrauen gemeuchelt! – fiel
Rhogarr mit seinen Truppen überraschend im Nivland ein und marschierte vor den
Mauern der eigentlich als uneinnehmbar geltenden Burg Helmenkroon auf.
EIN FEIGER VERRAT UND SEINE FOLGEN
In der Nacht öffnete der verräterische Dhrago die Tore der Burg und die
marschmärkischen Soldaten fielen über die schlafenden Männer Nelwyns her und
richteten ein Blutbad an. Jeder, der sich ihnen in den Weg stellte, ob Mann ob
Frau, ob Kind ob Kreis, wurde gnadenlos hingemetzelt – und auch die
Königsfamilie entging ihrem Schicksal nicht. Jedenfalls wurden die sterblichen
Überreste von König Nelwyn und KÖNIGIN NIMHULD bereits am
nächsten Tag im Burghof den Flammen übergeben. Allerdings durfte nicht ein Alwe
bei der Zeremonie anwesend sein – weil Rhogarr von Khelm angeblich Übergriffe
befürchtete. Und seltsamerweise wurde auch das Königsschwert Sinkkâlion seit
diesem Tag nicht mehr gesehen. Dabei hätte die Alwen gemäß dem Brauch ihrer
Vorväter den Besitzer des Schwertes klaglos als ihren Herrscher anerkannt – und
trotzdem vermochten weder Rhogarr noch Dhrago das Königsschwert vorzuzeigen.
Denn selbst die teuflischen Kräfte von Sâga vermochten das Königsschwert nicht
aufzuspüren.
Da Dhrago dem marschmärkischen Herrscher zudem den versprochenen Alwenhort
nicht aushändigen konnte – entgegen seiner ursprünglichen Versicherungen kannte
er dessen Versteck nämlich nicht -, beanspruchte Rhogarr von Khelm nun selbst
den nivländischen Thron. Dhrago sollte erst dann zum König ernannt werden, wenn
er ihm den Schatz oder das Schwert aushändigte.
Der finstere Rhogarr aber errichtete eine wahre Schreckensherrschaft. Mit
Hilfe seiner Reiter und unterstützt von Dhrago und seinen Gefolgsleuten
knechtete er das Nivland und seine Bewohner. Insbesondere die Alwen und die
anderen Mitglieder aus dem Alten Volk hatten unter dem Tyrannen zu leiden. Aber
auch alle jene Wesen, die Schutz im Reich der Elben gesucht hatten - die
Wolflinge und Noktaner zum Beispiel, oder die seltenen Mimikri. Sie alle wurden
durch Feuer und Schwert im Zaum gehalten. Rhogarr von Khelm knechtete die Alwen
bis aufs Blut und presste sie mit Hilfe unerträglich hoher Steuern bis aufs Mark
aus – und dennoch gelang es ihm nicht, ihren Widerstand zu brechen.
DIE LEGENDE VOM KÖNIGSSCHWERT
Unter der geknechteten Bevölkerung des Nivlandes machte nämlich eine Legende
die Runde: Eines Tages, so flüsterten sie sich zu, würden die Unsichtbaren ihnen
einen HELDEN schicken, der Sinkkâlion finden und sie mit dessen
Hilfe aus der Knechtschaft Rhogarrs und Dhragos befreien würde, um dann die
Nachfolge von König Nelwyn anzutreten – und dann würden auch die Alwen wieder in
Frieden und Freiheit leben können. Aber die Jahre vergingen, ohne dass der so
heiß ersehnte Held sich ihnen zeigte. Dann aber kam der Tag, an dem die junge
Ayani verheißungsvolle Zeichen wahr nahm – genauso, wie in der Legende erzählt
wird: „Wenn das Tor des Feuers sich öffnet, werden Zeichen offenbar werden und
die Unsichtbaren werden jemanden schicken, den sie zum wahren Herrscher der
Alwen bestimmt haben...“ – und genau an diesem Tag beginnt die aufregende
Geschichte von Niko Niklas und seiner Reise nach Mysteria...
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